Die Kapitel

                                                 Wie fing die Arbeit an dem Buch an?

Gewöhnlich beginnen Bücher mit einer endlosen Liste von Danksagungen. Das aus „der Geschichte“, die an einer Schreibmaschine begann, tatsächlich ein Buch wurde, verpflichtet mich geradezu, dieser Tradition zu folgen.
Ohne all die Menschen, bei denen ich mich gleich ganz herzlich bedanken werde, wäre der Drache PJ nichts weiter geblieben, als eine Idee in meinem Kopf. 

Hier sind sie also:

Sylke: Deine aufbauenden Randbemerkungen in den Schreibmaschinenblättern, die aus einem s.R. bestanden, und mich denken ließen, ich bin schon richtig gut, weil ja keine Kritik auf der Vorderseite war, haben nach einem kurzen Telefonat:
- Was zum Teufel bedeutet „s. R“, Sylke ?- 
- Öh... siehe Rückseite, Geli -

eine unglaubliche Anzahl von Verbesserungen angemahnt. Hier einige davon:
Vermeide bitte das Wort „eingeweichte Früchte“, das liest sich ja ekelig. Oh.
Hier hätte ich mehr Fantasie von dir erwartet, tut mir leid, aber das ist so. Ui.
Wo war DAS denn eine kluge politische Entscheidung? Oha.
Ändern wir es doch in... mutige...  3 Sekunden Denkarbeit.
Der Drache muss aus der Geschichte raus! Er hat keinen plausiblen Hintergrund und es gibt keine logische Erklärung für die technische Ausstattung in seiner Höhle.
Kreisch. - Ich LIEBE diesen Drachen!!!!! 

Es hat mich zwei volle Wochen gekostet, den Prolog zu entwickeln, der PJ am Leben ließ. Das gab der Geschichte eine ganz neue Wendung, denn so entstand Shariel. 

Danke für die vielen Stunden, Sylke, die wir gemeinsam vor dem PC verbracht haben, um zu gestalten, zu formulieren, und „Stimmung zu schreiben“. (Das kann doch jetzt hier nicht so schwer sein! ? Genügt das nicht, Sylke, wenn wir denen ein Windlicht auf den Tisch stellen, und die Grillen sirren, oder so?)

Olli: Deine Zeichnungen sind einfach Klasse.
Ebenso wie der Briefwechsel mit dir, der es unter anderem Degenhardts Angel erspart hat, mit Fäden zu fischen. Natürlich sind es Schnüre. Außerdem finde ich Hazim immer noch nett. 

Melli: Danke für deine Bestürzung über ..s Tod, als wir zusammen im Waschsalon waren. Die Tränen in deinen Augen haben mich zum ersten Mal verstehen lassen, dass man als Schriftsteller in Menschen Gefühle wecken kann. Das erdachte Figuren für Leser real werden.
„Du kannst den doch nicht einfach umbringen!!“
„Doch Melli, ich kann. Ich hab den erfunden.“

Und natürlich für dein Konzept der el Haldhyn. 

Sonja: Danke für diesen Nachmittag voller Lachen, der verhindert hat, dass sich das Gras der Ebene unter Laith und Hazims donnernden Pferdehufen... mit einem leisen Rascheln teilte...  

Ellen: Als geneigter Leser sollten sie Ellen ganz besonders danken.
Sie hat mich immer wieder aufgebaut, und fand die Geschichte einfach toll. Bis auf das Ende.
Ich habe ihr den Schluss der Geschichte gemailt, und war besonders stolz auf das romantische Ambiente. Brautkleid, Pfarrer, Ringe, Trauzeugen, die ganze Palette. Sämtliche Figuren ordentlich gerührt.

Zurück kam ein:
Meine Güte, Geli! Das ist ja SO rosarot, das klebt einem alle Zähne zusammen. Liest sich wie von Rosenhedwig Courtslinde Mahlerpilcher. Seufz.
Da blieb nur Eins: Delite, und alles noch mal von vorn.
Lassen Sie es mich sofort wissen, wenn Sie den Schluss lieber einen Kick romantischer hätten. Ich leite alles an Ellen weiter.   

Und danke natürlich den mir völlig unbekannten Verfassern von Büchern über Kendo, die es Elisabetha überhaupt erst ermöglicht haben, anständig mit diesem Schwert umzugehen.
Den Büchern über die Plains, deren Indianerbeschreibungen sowohl die el Haldhyn als auch Hazim eine Menge zu verdanken haben. Ihre Kleidung zum Beispiel.  

Dann muss ich natürlich Sylke, Olli, Ellen, Moni, Melli, meiner Schwester Sonja und all den anderen dafür danken, dass sie die Geschichte während ihrer Entstehung in den allerersten Fassungen überhaupt gelesen haben. Von Anfang bis Ende. (!!)

Das war schon ein tolles Gefühl, dass all meine Figuren und die Abenteuer, die ich für sie erfunden habe, in den Augen meiner ersten Leser spannend waren, sie zum Lachen oder Weinen brachten, und sie gar nicht aufhören konnten zu lesen.

Hier habt ihr schon einmal die Bilder.
Die Beschreibungen der einzelnen Kapitel kommen nach und nach.



Ich danke euch für all die Nachfragen, spreche aber leider kein Französisch. Bitte einfach in Englisch anmailen. Hier wie versprochen ein Eindruck vom: 

1. Kapitel.

Wie fühlt sich ein Vater wirklich, der seinen Sohn auf eine Insel verbannt hat, und den einzigen Zugang zur Insel zerstört hat?

Mit der Nachricht seines Freundes in der Hand, ohne zu wissen, wie viel Zeit vergangen
war, sah Gwenord auf die erleuchteten Linien des Marmorpodestes. Wer auch
immer die Brücken instand gesetzt hatte – konnte es dadurch möglich werden, dass die
quälende Ungewissheit über Laith Schicksal ein Ende hatte?
Zehn Jahre voller Trauer und Schuldgefühle. Für …
Einen Moment voller unbändigem Zorn.
Auch und vor allem über sein Versagen als Vater?
Eine Bewegung voller frustrierter Verzweiflung. Die den Kristall gegen den Rand der
Marmorplattform geschleudert hatte. Und sein Leben war seit jenem Tag wie die
zersplitterten Stücke, die vor seinen Stiefeln gelegen hatten.
Nichts davon war wieder zusammenzufügen.
Er hatte zehn Jahre zuvor gezögert, sich einer Auseinandersetzung mit seinem Sohn
zu stellen. Sollte er wider alle Hoffnung durch die Errichtung der Brücken eine
Möglichkeit dazu bekommen, würde er diesmal nicht mehr ausweichen.

Warum sieht der Freund des Königs, Aleathan de Dhaunn, Prinzessin Elisabetha SO?

„Wie ist Euer Name?“ wollte sie wissen, „Wo wohnt Euer Volk, wie lebt Ihr?“
De Dhaunn betrachtete Elisabetha.
Ihre Augen erschienen ihm an dieser Tafel so ungewöhnlich wie seine eigenen, vor
allem gefiel ihm der Ausdruck darin, hellwaches Interesse.
Plötzlich schien ihr Gesicht sich zu verändern.
Es wurde geisterhaft bleich, erfüllt von tödlicher Entschlossenheit. Sie wirkte verlassen.
Einsam, rührend kindlich vor einem riesigen schwarzen Schatten. Etwas Unerklärliches,
sehr gefährliches kam auf die Prinzessin zu.
Die Stimmen in der Halle schienen weit entfernt, erst als Elisabetha wiederholte:
„Wie ist Euer Name? Wo wohnt Euer Volk?“ verging dieser Eindruck.
Niemand außer ihm selbst schien etwas bemerkt zu haben.

Und zum Ende des 1. Kapitels die berechtigte Frage:

Aleathan sah seinen Freund verbissen mit Tellern und Besteck hantieren. Er kannte
diese Stimmung Gwenords und wusste, dass er gewöhnlich an Laith dachte, wenn er
diesen Gesichtsausdruck hatte.
Der Ahlfahr nahm Becher aus einem Schränkchen und schenkte Tee ein, dann ging
er zu Gwenord, der nun mit auf dem Rücken verschränkten Händen in die Flammen
sah.
„Möchtest du über Laith reden?“, fragte er und reichte ihm einen Becher. Der König
schüttelte den Kopf.
„Wir haben so oft über ihn geredet. Das ist es nicht, was mir durch den Kopf geht.
Es ist diese Hütte. Ich frage mich, was haben Laith und Degenhardt all die Jahre auf
Samhidhon gemacht? Laith ist jetzt achtundzwanzig Jahre alt. Konnten Degenhardt
und mein Sohn die eisigen Winter dort überleben? Und wenn, falls …“
er nahm den Becher entgegen und sah den Ahlfahr an.


„… zehn Jahre in einem Holzhaus auf einer Insel. Wenn ich ihm wieder begegnen würde, was Aleathan, werde ich dann in ihm finden?“

2. Kapitel


Der Moment der bitteren Wahrheit  für den verbannten Prinzen:

„Laith, bevor ich dich noch verletze, sieh dich um. Du bist nicht in Baa Wheel.“ Mit
einer einzigen, in ungezählten Übungsstunden angewandten Bewegung, hebelte er den
Degen aus den Händen seines Schützlings.
„Sieh dich um, du kannst hinter den Baumkronen das Meer sehen.“
Der Prinz ließ seine leeren Hände sinken.
„Nenne mich nicht Laith. Für dich bin ich Prinz Laith.“
Er griff nach seinem Degen und folgte dem Blick des Waffenmeisters.
Auf einem der höchsten Berge im Gebirge vor Baa Wheel konnte man das Meer als silbernen Streifen am Horizont erkennen. Bei seinen Fahrten mit der königlichen
Flotte zu den Inseln der Mori mit ihren seltsamen, gelbhäutigen Bewohnern, war es eine endlose blaue Fläche. Die glitzernden Wellen hinter den Wipfel der Bäume waren ein Anblick, den er in
ganz Baa Wheel noch nicht gesehen hatte. 
Völlig überrascht fragte er: „Wo sind wir hier?“
„Ich wollte es Euch gestern schon erklären, Prinz Laith, doch Ihr habt nicht zugehört.“ Um ihn nicht noch weiter zu reizen, sprach Degenhardt den Prinzen sehr ruhig und förmlich an.
„Wenn Ihr mir folgen wollt, zeige ich Euch etwas.“
Erst jetzt bemerkte der Prinz, dass die Hütte an den Mauern einer Ruine aus Marmor
stand, die sich auf dem höchsten Punkt einer Insel befand.
Wind wehte ihm die Haare ins Gesicht, als er sich nach allen Seiten umsah. Doch in
welche Richtung er auch blickte, die glitzernden Wellen schlossen von allen Seiten eine
Insel ein, die nicht sehr groß sein konnte.

Fünf Jahre später ist die Situation unverändert:

Laith ging den Weg zum Teich hinunter ohne auf seine Umgebung zu achten. Fünf Jahre Angeln, Fechten und Holzhacken. Das kleine Feld bestellen, die Jagd. Hatte er Anfangs insgeheim darauf gewartet, dass sein Vater ihn nach einiger Zeit zurück holen würde, war diese Hoffnung von Jahr zu Jahr gesunken. Laith hatte die ganze Insel erkundet, doch außer dem Stück Strand gab es nur Wälder,
sowie karge Felsen, welche die Insel in Stücke teilten wie einen Kuchen.
Zum ersten Mal dachte Laith daran, dass König Gwenord vielleicht nie kommen würde. Und er bis ans Ende seines Lebens ein Gefangener sein würde.

Und dann geschieht DIES:

Es gab tatsächlich eine Höhle hinter dem Wasserfall.
Doch sie enthielt keineswegs Kristalle. Eher einen wahr gewordenen Alptraum. Der
Prinz hielt bestürzt den Atem an. Es gab hier auf der Insel einen Drachen?
Weit größer als Laith stand er mit gefalteten Flügeln vor einer Wand voller kleiner
und großer Fenster. Sie waren in die Höhlenwand eingelassen und schienen Gemälde
zu enthalten. Der Drache sah konzentriert auf das große Bild in der Mitte und werkelte
eifrig auf einem unbekannten Gerät herum.
Laith schloss eine Sekunde die Augen. In der Hoffnung, was er gesehen hatte, würde
sich als ein Trugbild erweisen. Doch als er sie vorsichtig wieder öffnete, sah er noch
immer auf die spitzen Rückenschuppen eines Wesens, das gar nicht existieren sollte.
So lautlos wie möglich versuchte Laith sich zurück zum Sims zu bewegen. Der Sand
des Höhlenbodens verursachte ein kaum wahrzunehmendes Knistern.
Ohne auch nur zu Atmen, zog er seinen Degen
Blitzschnell drehte der Drache den Kopf in Richtung der Geräusche.
Er runzelte die Augenwülste und knurrte überrascht.
Laith blieb einen Moment reglos stehen, dann hob er langsam den Degen.
Mit überraschender Geschwindigkeit kam die Bestie näher. Bevor Laith überhaupt
reagieren konnte, schnippte das Ungeheuer schon mit scharfen Krallen den Degen aus
seiner Hand. Es schüttelte einen imposanten Kopf und rügte: „Ich bin Mathematiker
und Philosoph, kein Terminator! Herzlich willkommen. Du bist seit zehntausend Jahren mein erster Gast.“

3. Kapitel



Im Dritten Kapitel geschieht natürlich viel mehr, als in diesen Auszügen...
doch... wie fängt eine Prinzessin an eine Schwertkämpferin zu werden?

Die Augen starr geradeaus gerichtet, versuchte Elisabetha ihre Hand, nach einen Bogen über dem Kopf, vor die Scheibe ihres Stabes zu legen. Es gelang ihr nicht. Wohin sie auch fasste, die Hand war nie am Griff.
Auch bei der nachfolgenden Bewegung, in die Hocke zu gehen und den Stab in der vorgeschriebenen Haltung an der Seite zu halten, schwankte sie wie ein Halm im Wind. Nachdem der König zugesehen hatte, wie sein Mündel mit verbissenem Gesicht wieder und wieder erfolglos versuchte, die Anweisungen des Fechtmeisters zu befolgen, wurde es ihm zu bunt.
„Elisabetha, was ist nur mit dir?“
„Ich schaffe es einfach nicht. Ich greife immerzu daneben. Und in die Hocke komme ich schon gar nicht.“
„Wie sollte es denn aussehen?“ Gwenord runzelte die Stirn, als Elisabetha mutlos den Stab sinken ließ.

Doch Sas a Mori weiß, das die Schwertträgerin seines Orakel die einzige ist, die die Drachen vernichten könnte, die Nasdhoor bedrohen. Er muss ihr begegnen und sie ausbilden.

Als Aleathan in das Zimmer des Alten trat, saß der im Schneidersitz, gekleidet in einen
dünnen, glänzenden schwarzen Anzug aus Seide, auf dem Bett.
Die kleinen Elfenbeinscheiben, die vor dem Alten lagen, schienen bedeckt zu sein mit
Schriftzeichen aus einem geisterhaften Licht. Doch als de Dhaunn genauer hinsah,
konnte er nichts anderes mehr entdecken, als eine Handvoll Plättchen, die der Mori
aufmerksam betrachtete.
Der Ahlfahr versuchte noch einmal, die magere kleine Gestalt auf dem Bett in den
verschiedenen Dialekten der Gelben, die er kannte, anzusprechen.
Ohne sich in seiner Konzentration stören zu lassen, betrachtete der Alte das Elfenbeinorakel
auf dem Bett. Schließlich hob er den Kopf.
Aleathan sah in ein glatt rasiertes Männergesicht mit vielen tiefen Falten und einem
ausgesprochen listigen Blick. Zum Adel der Mori gehört er jedenfalls nicht, dachte er
bei sich. Amüsiert erinnerte er sich an die hingebungsvolle Pflege seiner Gastgeber auf
den Inseln für ihre manchmal Taillen langen Schnurrbärte.
Der Alte musterte ihn und sagte endlich zu Aleathans großem Erstaunen ohne jeden
Akzent völlig fließend: „Du bist der Sucher, ich grüße dich. Nun bringe mich zu der,
die das Orakel enthüllt hat. Sie ist auf die Gefahr nicht vorbereitet. Ich bin hier, sie zu
unterweisen.“ Dabei sprang er mit großer Behändigkeit vom Bett und verbeugte sich
ungeduldig. „Sie ist nicht gerüstet und die Zeit mehr als knapp.“
Er seufzte tief und verärgert auf. „Wie ist das Essen im Hause des Herrschers? Ich
habe noch nie so schlecht gespeist wie an diesem Ort.“
„Ich weiß nicht, ob die Heilerin dich gehen lässt, alter Mann.“

Doch es gibt einen Mann, den er zuerst von der Gefahr überzeugen muss.  Und seinem Wunsch Prinzessin Elisabetha zu unterrichten.

König Gwenord nahm das Schwert von der Wand und reichte es dem Mori. Der Alte
betrachtete es aufmerksam von allen Seiten. Behutsam berührte er den Griff und
murmelte: „Es ist noch nicht erwacht.“
Sas a Mori zwang sich zur Geduld. Erst als die Pagen die Halle verlassen hatten und
der Sucher endlich neben dem Hort der Stärke vor ihm stand, setzte er sich mit
gekreuzten Beine in die Mitte der Fechthalle. Der Mori betrachtete andächtig die
verschlungenen Symbole auf der Hülle, dann hob er das Schwert und konzentrierte
sich. Sein leiser Gesang wob mit zarten Tönen einen Weg.
Er begann vor den Füßen des Königs. Ein geheimnisvoll schimmernder Pfad, der ihn
neugierig machte. Den Wunsch weckte, ins Unbekannte hineinzugehen. Zu erforschen,
wohin dieser Weg führen mochte. War er zu betreten?
Aleathan wollte Gwenord zurück halten, ihn vor den Trugbildern der Mori warnen.
Doch sowie er seinen Freund berührte, griff eine unbekannte Kraft auch nach ihm
und ließ keine Wahl, als dem Weg zu folgen. In eine Welt voller Eis und Kälte.
Ohne dass König Gwenord sich bewegen konnte, spürte er, wie eisiger Wind Schneekristalle
in sein Gesicht blies. Er suchte nach Aleathan, der nur als Schemen zu
erahnen war. König Gwenord kniff die Augen zusammen und versuchte etwas zu
erkennen, doch weder der Fechtsaal noch die hohen Fenster waren zu sehen.
Auch Aleathan war gefangen in der Vision aus Kälte und einem heulenden Wind, der
mit ungekannter Heftigkeit an seinen Haaren riss. Vor ihm schimmerte schwach etwas,
das riesig zu sein schien. Gwenord schrie durch den Sturm: „Was ist das für ein
Licht?“
Der Ahlfahr versuchte sein Gesicht vor dem eisigen Wind zu schützen. Undeutlich
hörten sie durch den Sturm den Gesang des Alten. Bevor die Verzweiflung, dass sie
den Weg zurück in die vertraute Realität nicht mehr erkennen konnten, sie niederdrücken
wollte, standen sie Seite an Seite in einem Glaspalast. Fasziniert sahen sie durch
Glaswände auf Eiskristalle, die ein Sturm an durchsichtige Wände warf. „Was mag das
hier sein?“
Gwenord fasste seinen Freund entsetzt bei den Schultern und deutete auf etwas. Die
Gefahr aus den Eisfeldern, der Mori konnte nur diese gemeint haben.
Drachen. Statuen gleich standen sie mit gefalteten Flügeln um eine Kugel aus Farben
und Licht. Augen, die mit einem unheimlichen Glühen in gefühllosen Gesichtern auf
die in allen Farben strahlende Kugel starrten, waren das einzig lebendige an ihnen.
Als die Geräusche des Sturmes vor den Fenstern immer heftiger wurden, begann der
Boden unter ihren Füßen zu schwanken. Die Wände des Glaspalastes vibrierten und
erzeugten einen hohen, schrillen Ton, der in den Ohren schmerzte.
Aleathan, den sonst nichts aus seiner unerschütterlichen Ruhe bringen konnte, war so
bleich wie König Gwenord. Beide ließen die Drachen nicht aus den Augen. Die langsam, mit steifen Bewegungen,aus ihrer Reglosigkeit erwachten.
„Ihr habt sie nun gesehen.“
Mit dem Schwert in der Hand stand Sas a Mori vor ihnen.
König Gwenord versuchte seine Schultern von Schnee und Eis zu befreien, doch sein
Gewand war völlig trocken.
Mit bleichem Gesicht starrte er auf Aleathan. Diese Drachen, existierten sie wirklich?
Konnten sie von dem Ort, den Sas a Mori ihnen gezeigt hatte, einen Weg nach Baa
Wheel finden? Sollte die Vision eine wirkliche Begebenheit gezeigt haben, dachte Gwenord und
versuchte seine Furcht abzuschütteln, ist Nasdhoor in großer Gefahr.
Und der Alte nannte sein Mündel Schwertträgerin?
„Niemals wird Elisabetha mit einem Schwert vor einem der Drachen stehen, alter
Mann. Wenn das tatsächlich dein Plan war, vergiss ihn unverzüglich. Wenn sich dein
Trugbild als Bedrohung für mein Land erweisen sollte, werde ich das Schwert selbst
tragen.“

Und der sagt: NEIN. Also sucht Sas a Mori einen anderen Weg.

Jedes Mal, wenn er das Schattenreich aufsuchte, erfüllte ihn die stille, grenzenlose
Leblosigkeit mit einem Gefühl eigener Leere, doch er verdrängte diese Gedanken.
Es galt nun, seine Ahnen zu wecken. Mit dem Schwert in der Hand, dessen Ornamente einen blassen Schein auf ihn warfen, wiederholte er immer wieder einen einzigen Satz. Wohl wissend, dass sie ihn
schon beim ersten Wort hören würden. Wenn sie wollten.
„Moro-oka, Tosa no Kami und Matsumoto, ich rufe mit der Bitte um geneigte Anhörung.“
Tief seufzend dachte er daran, dass er nicht mehr der Jüngste war und wünschte sich,
unter den verschneiten Kirschbäumen in seinem Garten zu sitzen.
„Moro-oka, Tosa no Kami und Matsumoto, ich …“
„Schon gut, schon gut, schon gut!! Wer stört bei wichtigen Dingen und schreit, dass
es von den Wänden widerhallt?“

Mit fester Stimme, um seine Unsicherheit zu verbergen, sagte Sas a Mori: „Diese hier
werden deine Lehrer sein.“ Sprachlos sahen alle vier ihn an.
„Moooment!“ Moro schob seine Gefährten zur Seite. „Es war nicht die Rede von
Unterricht.“ Lautstark und ärgerlich nahmen sie ihre Diskussion wieder auf.

Und während Elisabetha sich in der Schattenebene befindet, wirkt das für alle anderen im Schloss des Königs so:

Aleathan legte Elisabethas Hand vorsichtig zurück unter die Bettdecke und stellte sich
zwischen die Beiden. Was immer auch geschehen war, er spürte nur einen schwachen
Eindruck ihrer Persönlichkeit in diesem leblosen Körper.
Elisabethas Zustand wurde nicht durch eine Krankheit verursacht, dessen war Aleathan
sich sicher. Die Zofe hätte, was geschehen war nicht verhindern können.
Hatte der Alte nicht die Fähigkeit gehabt, sie aus der Fechthalle hinaus ins Eis zu
führen? Versuchte er nun vielleicht, Gwenords Befehle zu umgehen? Damit er Elisabetha
auf ähnliche Weise, trotz der Verbote unterrichten konnte?
Mochten den Ahlfahr mit ihren Kristallstäben auch Gedankenreisen möglich sein,
dem Volk seines Freundes war so etwas fremd. Unverständlich und beängstigend.
„Mein Freund, es ist unnütz, für etwas, dessen Ursache du noch nicht kennst, schon
einen Schuldigen zu suchen. Warte ab, was die Heilerin sagen wird“, schlug er vor.
„Du hast recht, Aleathan. Es tut mir leid, Janne. Doch es erschreckt mich, sie so leblos zu sehen.“

4. Kapitel

Hier habt ihr endlich Ausschnitte aus dem 4. Kapitel.
Warum Ausschnitte.... eigentlich gar nicht möglich waren, dieser Abschnitt euch aber richtig viel Freude machen wird, erfahrt ihr hier:


Das 4. Kapitel ist einfach zu umfangreich, um es in einzelnen Episoden irgendwie zusammen zu fassen. Darum bekommt ihr als Ausschnitt "die kleine Lesung".

Das Bild, das ihr seht, zeigt Sas a Mori während einer Unterrichtsstunde, die in der Höhle des Drachens stattfindet.  Ein Unterricht, der aus einem unbeherrschten Prinzen einen gebildeten König seiner eigenen Welt formen soll.

Doch richtig kennen gelernt haben sie sich SO:

Erstaunt sahen die Männer in den Himmel, an dem ein monströser, dem Waffenmeister gänzlich unbekannter Vogel, mit einer abenteuerlichen Flugbahn auf den Teich zuschoss. Offensichtlich hatte das Tier völlig die Kontrolle verloren, denn es sank ungeschickt und mit wild flatternden Flügeln beständig tiefer.
Degenhardt zog hastig die Angel ein und bedeutete Laith, gleiches zu tun.
„Wenn das Ding in den Teich stürzt, was immer es auch sein mag, ist es besser, es verheddert sich nicht in unseren Schnüren.“
Verblüfft beobachtete Laith ein dickes grünes Etwas, das mit einem lauten Schrei in den Teich platschte. Wellen und aufgewirbelte Wasserpflanzen krönten ein Gewirr aus Flügeln, Pfoten und einem geschuppten Schwanz, der nicht recht in das Bild eines Vogels passen wollte. Dann versank „das Ding“ im Teich.
Die Männer sahen sich ratlos an.
„Was mag das gewesen sein?“, fragte der Waffenmeister.
Laith begann plötzlich zu lachen. „Das wirst du gleich sehen. Ein Qualitätsprodukt der Enleiter – Juniwörs – Prodaktschens. Was immer er auch damit gemeint hat.“
Prustend und schnaubend kam der Drache an die Oberfläche und paddelte ans Ufer in die Nähe des Steges. Dabei grummelte er unaufhörlich vor sich hin.
„Ich kann fliegen (!), UND ich habe die Augen dabei noch schwimmen. Bin ich ein U-Boot?“ Er spukte einen Schwall Wasser aus, und watete an Land.
Degenhardt, der plötzlich erkannte, was das für ein Tier war, tastete nach seinem Degen.
„Was sollen wir tun? Er wird uns angreifen!“ Angsterfüllt wich er zurück.
Ein Drache? Wo kam der jetzt her?
Als Laith seine Hand zurück hielt und vergnügt sagte: „Er ist Mathematiker und Philosoph, er tut dir nichts“, verstand Degenhardt gar nichts mehr und blieb steif und starr stehen.
Mit jedem Schritt, den die Bestie näher kam, bebte der Steg gefährlich, aber er hielt.
Schließlich blieb der Drache beeindruckend groß vor den beiden Männern stehen und machte eine eigenartige Geste mit den Vorderpfoten.
Zwei Krallen zu einem „V“ erhoben, völlig außer Atem rief er triumphierend: „Peace, Leute! Gotcha, Jungchen. Ich habe dich gefunden!“
Dann ließ er sich zufrieden auf sein Hinterteil nieder und hielt die Nase in den Wind.
Geschmückt mit einer Seerose, die sich um sein Ohr gewickelt hatte wie ein Lorbeerkranz.
Mit einem Grinsen, das Degenhardt blass werden ließ – zeigte es doch eine blitzende Reihe scharfer Zähne – wandte sich der Drache an den Waffenmeister.
„Du bist der Mann mit dem Maßband. Außerdem wolltest du den Jungen hier nicht allein lassen. Und“, er packte den sprachlosen Mann bei den Armen, „ich wette, du hast einen eigenen Namen! Hab‘ ich recht, oder hab‘ ich recht? Wie heißt du?“
Dabei hielt er ihn wie ein Handtuch in die Höhe.
Degenhardt, der nicht ein Wort herausbrachte, schluckte.
Der Drache wandte sich an Laith. „Er hat doch einen Namen, oder?“
„Degenhardt, er heißt Degenhardt.“ Laith, der sich vor Lachen kaum beruhigen konnte, schnappte nach Luft.
Zufrieden sah der Drache ihn an. Sie alle besaßen einen Namen. Er hatte es gewusst.
Das grüne Ungetüm ließ den Waffenmeister auf den Steg fallen.
„Wie ist dein Name, Jungchen?“
Was hat er nur mit unseren Namen, dachte der Prinz.
Doch er stand auf und erwiderte mit einer vollendeten Verbeugung: „Mein Name ist Laith Duncan Gwenord von Baa Wheel. Wie heißt du?“
Nervös tippte der Drache mit den Krallen auf dem Steg.
„Das ist der springende Punkt, Junge.“ Er ließ betrübt den Kopf hängen, griff dann nach Laith und schüttelte ihn vorsichtig. „Ich habe keinen. Mein Boss hat mich konstruiert und dabei einfach vergessen, mir einen Namen zu geben.“
Degenhardt, der sich von seinem ersten Schrecken erholt hatte, fand, wie schon Laith
zuvor, diese Kreatur beeindruckend, aber völlig verrückt.
„Ist das so wichtig?“, fragte er. Musste ein Drache überhaupt einen Namen haben?
„Es ist eine Frage der Identität, Mann. Ohne einen Namen bist du Nichts.“
Der Drache hörte auf, den Prinzen wie einen Pflaumenbaum zu schütteln und ließ seine Pfoten ins Wasser hängen.
Laith hatte die Aufgaben also tatsächlich von einem Drachen. Der Waffenmeister schüttelte ungläubig den Kopf. Im Moment sah das grüne Ungetüm, so groß es auch war, allerdings überhaupt nicht gefährlich aus. Eher sehr unglücklich.
Weil es anscheinend keinen Namen hatte.
„Möchtest du, dass wir dir einen Namen geben?“, fragte der Waffenmeister unbefangen, und fühlte sich gleich darauf von harten Pfoten an eine schuppige Brust gezogen.
„Auf diese Frage warte ich seit zehntausend Jahren“, rief der Drache und drückte Degenhardt einen schmatzenden Kuss auf die Wange. „Ja! Gebt mir einen Namen!“
Die Männer schüttelten über diesen verzweifelten Ausruf den Kopf.
„Hör mal, wenn du zehntausend Jahre ohne Namen gelebt hast, dann hat es doch keine Eile, oder?“
Der Drache knurrte. „Du weißt nicht, wovon du redest. Laith Duncan Gwenord.“
Laith musterte den Drachen verblüfft. Er hatte sich nach einer für ihn unvorstellbar langen Zeit aus seiner Höhle gewagt, und Angesichts seiner Flugkünste war es ein enormes Wagnis gewesen, um einen Namen zu bekommen?
„Wenn ein Name für dich von so großer Bedeutung ist, sollte er nicht leichtfertig gewählt werden. Ich denke über einen passenden nach. Möchtest du mit uns zu Abend essen?“ (Wie? Wie nannte man so ein Geschöpf?)
„Was isst denn ein Drache so im Allgemeinen? Vor allem, wie viel mein ich jetzt.“
Haben wir überhaupt genug Vorräte für ein Tier dieser Größe, überlegte Degenhardt.
Zu seinem großen Erstaunen antwortete der Drache jedoch: „Tja, ich weiß nicht so recht. Wahrscheinlich könnte ich etwas essen. Allerdings habe ich es noch nie versucht.“
Er deutete auf seine Rückenschuppen. „Solarzellen.“
Als er das völlige Nichtverstehen in den Gesichtern der beiden sah, versprach der Drache: „Ich probiers mal. Mhm, ich fange damit an. Ist dies etwas Essbares?“
Seine Kralle deutete auf den Krug Beerenwein.
Laith runzelte skeptisch die Stirn. Zuckte dann aber mit den Schultern und reichte ihm den Krug.
Mit einem Zug schüttete der Drache den Inhalt in sich hinein und rülpste leise. Er nickte zufrieden und schmatzte mit der Zunge, um den unbekannten Geschmack zu genießen.
Mit seiner Pfote pflückte er unauffällig die Seerose, die ihm mittlerweile über den Augen hing, von seinem Kopf und streckte sie wie eine Trophäe dem Himmel entgegen.
„Strike! Ich habe die Höhle verlassen, zum ersten Mal nach zehntausend Jahren. Ich bin geflogen. Ich habe getrunken – wusste übrigens gar nicht, dass ich das auch kann.“
Er sah nach rechts, nahm Degenhardt in den Arm, sah nach links, nahm Laith in den
Arm, und fuhr erheblich leiser mit sehnsüchtiger Stimme fort: „Nach zehntausend Jahren werde ich heute endlich einen Namen bekommen.“
Eine ganze Weile blieb er still neben seinen beiden neuen Freunden sitzen. Im Licht der Nachmittagssonne, als die Mücken über dem Wasser zu tanzen begannen, wandte der Drache sich an Laith.
„Ich nehme deine Einladung an, was den Inhalt dieses Gefäßes betrifft. Wo finde ich mehr davon?“

Die Angeln über der Schulter, wanderten die Männer gemeinsam mit dem Drachen zur Hütte. Obwohl der alles neugierig betrachtete, sah er sich immer wieder ängstlich um, seine Schwanzspitze zuckte nervös.
Sie wanderten durch einen Wald, in dem Licht und Schatten, Stimmen der Tiere, das Rauschen des Windes, eine märchenhafte, geheimnisvolle Welt schufen. Vorbei an Lichtungen, in deren Büschen es immer wieder raschelte.
Der Drache räusperte sich, dann flüsterte er besorgt: „Das war alles mal ein großer Park. Die ganze Insel. Habt ihr hier“, er sah sich vorsichtig nach allen Seiten um, „jemals gefährliche Tiere gesehen? Zähne, scharfe Krallen und so?“
Degenhardt sah Laith an und musste sich beherrschen nicht loszulachen. Ernst erwiderte er: „Ja, im Anbau hinter der Küche. Ziegen, höllische Biester. Unglaublich gefährlich!“
Erschreckt packte ihn der Drache bei den Schultern.
„In einem Anbau an eurem Haus? Hast du sie unter Kontrolle, oder könnten die Biester da raus?“
Laith schüttelte ungläubig den Kopf.
Konnte es sein, dass dieser Drache ein Feigling war?
„Sie sind völlig unter Kontrolle, solange du nicht in den Verschlag gehst“, antwortete Degenhardt, und betrachtete das beunruhigte Gesicht.
„Du bist noch nicht auf den Gedanken gekommen, Drache, dass etwas Angst vor dir haben könnte? Ich mein, du bist doch ein DRACHE!“
Der Drache stutzte. Nachdenklich kaute er auf seiner Zunge. Dieser Gedanke gefiel
ihm immer besser, je länger er ihn überdachte.
„Angst vor mir?“ Geniale Idee.
Er schnippte mit den Krallen. Während er sich einmal um sich selbst drehte und dabei mit dem Hinterteil wackelte, fragte er: „Sehe ich rundherum Furcht erregend aus?“
Degenhardt versuchte ihm zu erklären, dass in den Mythen der Völker ein Drache immer Furcht erregend war und Schrecken und Zerstörung verbreitete, wo er auftauchte.
Mit großen Augen lauschte der Drache. Ab – so – lut genialer Gedanke!
Als sie aus dem Wald heraus waren und den Weg zur Hütte hinaufgingen, entspannte der Drache sichtlich.
Er hakte nach: „Alle wissen das? Drachen sind eine schreckliche Spezies?“
Lachend antwortete Laith: „Drache, wie mir scheint, wissen es alle außer dem Drachen selbst.“
Glücklich ballte der die Pfoten zu Fäusten und ließ sich an dem Tisch vor der Hütte ins Gras fallen. Er spannte seine Muskeln und betrachtete sie entzückt.
Man fürchtete sich vor Drachen!
„Am besten bleibst du bei deinem Freund, dem schrecklichen Drachen, und ich sehe mal nach, ob wir genug zu trinken für ihn haben.“
Degenhardt schüttelte eins ums andere mal den Kopf. Ein ängstlicher Drache!
Aus der Speisekammer schleppte er so viele Krüge Fruchtwein, wie er nur tragen konnte zum Tisch. Setzte sich dann, und wurde eingehend vom Drachen betrachtet.
„Der Junge, Laith Duncan Gwenord, hat gesagt, du besitzt ein Maßband, und bist in der Lage dazu, Dinge herzustellen. Würdest du so freundlich sein, mir eine Baseballkappe anzufertigen?“ Der Drache sah auf den Waffenmeister und streckte ihm eine Pfote entgegen.
Degenhardt reichte ihm einen der Krüge. Hilfe suchend wandte er sich an den Prinzen.
So ein seltsames Wort ergab überhaupt keinen Sinn. Außerdem klang es nicht, als könnte man etwas derart unverständliches … anfertigen.
Laith deutete nach einem kräftigen Zug aus seinem Becher auf den Drachen.
„Er hat eine Wand mit Fenstern, die er Monitore nennt. In Ihnen sind Bilder. Auf einem davon kannst du sehen, was er damit meint.“
"Genau. Ab Morgen wird der Junge jeden Nachmittag zu mir kommen. Ich habe einen umfangreichen Lehrplan ausgearbeitet, der einen wirklichen König aus ihm machen wird.“ Mit leicht verlegenen Blick setze er hinzu: „Er enthält kein unsinniges Zeug.“
Dann trank der Drache mit einem Schluck, ohne abzusetzen, den Krug leer und rollte mit den Augen.
Er griff zum nächsten und fuhr fort: „Du kommst mit, dann zeige ich dir, was ICH möchte. Was immer DU dann von mir möchtest, reproduziere ich für dich. Nachdem ich eine Probe davon erhalten habe, natürlich.“
Schon wieder ein völlig unverständliches Wort. Degenhardt würde erst mal abwarten, was das für ein Ding war.
Becher auf Becher wurde geleert, und plötzlich hatte Laith eine Idee.
„Der schwarzhäutige Sänger in deinem Fenster, wie heißt er?“ Er öffnete einen neuen Krug für den Drachen, der den Beerenwein mit einer unglaublichen Geschwindigkeit in sich hinein schüttete, und füllte die Becher nach.
„Peter James Dunford.“
„Was soll das denn für ein Name sein?“, fragte Degenhardt mit leicht unsicherer Stimme. „Pitä Jäms dann – fort?“
Auch Laith schüttelte den Kopf, das passte nicht zu dem Drachen.
„PJ Dunford ist einer der größten Rapper aller Zeiten!“, rief der entrüstet aus.
Genau, dachte Laith, Pi Dschäi!
„Ich versprach, über einen geeigneten Namen für einen Drachen nachzudenken. Ich habe ihn gefunden.“
Laith erhob sich und hielt dem Drachen seinen Becher entgegen. „Wenn du zustimmst, bist du von nun an: der Drache Pi Dschäi.“
Degenhardt, der schon Einwände gegen diese alberne Kombination von Buchstaben erheben wollte, hielt inne, als er das verklärte Leuchten in den Augen des Drachen sah.
„Yo man! PJ!“ Der Drache streckte die Pfote aus: „Gib mir Fünf, Mann!“
Was immer das auch bedeutet, dachte Laith und schlug ein.
Als die Sonne unterging, wurden die Stimmen seiner Freunde immer unsicherer, und der Drache PJ begann sich zu fragen, ob sie etwa krank wurden.
Schließlich, als die ersten Sterne am Himmel erstrahlten, sank Degenhardts Kopf auf die Tischplatte. Laith, der schon vor einer ganzen Weile einfach im Stuhl eingeschlafen war, fing leise an zu schnarchen.
PJ sah zu den Sternen auf.
Sie sahen ganz anders aus als in den Monitoren. Der Himmel war voll von ihrem Gefunkel. PJ! Zufrieden nickte der Drache. Er hatte endlich einen eigenen Namen.
Er war PJ, der Beste aller rappenden Drachen.
Er musterte seine neuen Freunde liebevoll und schüttelte die Krüge. Endlich fand er einen, in dem noch genügend von diesem köstlichen Getränk war. Er leerte ihn mit einem Zug.
Zwei neue Freunde. Und sie hatten kein einziges Mal die Worte: „Anweisung Nummer
Eins“, benutzt.
Er war geflogen. Geflogen! Er hatte den Jungen gefunden und morgen würde er Besuch bekommen. Niemals wieder würde er allein sein.
Während er den letzten Zug aus Laith Becher trank, stellte PJ erschreckt fest, dass die Sterne sich seltsam benahmen. Sie tanzten. Der Drache kniff die Augen zusammen, doch sie tanzten weiter.
Dann kippte PJ langsam nach hinten. Und schlief zum ersten Mal seit zehntausend Jahren sturzbetrunken ein.

Das ist der Beginn einer wunderbaren, witzigen Freundschaft zwischen zwei Männern und einem Drachen. Doch dann geschieht etwas, dass den Drachen dazu bringt Prinz Laith von Samhidhon fort zu bringen. Zu anderen Menschen. In den Haldhyn. Einen Baum, der eine ganze Welt für sich ist. Zu den el Haldhyn. Dem Volk, das darin lebt.     

Betroffen sah Laith sich um. PJ war fort? Er ging an Eilika vorbei, die ihm verdutzt
hinterher sah, zum Rand des riesigen Astes. Suchend sah er in den Himmel.
PJ war allein zur Insel Samhidhon zurück geflogen? PJ!
Ich werde deinen Humor vermissen, dachte Laith, und dein ungeheures Wissen.
Dankbar erinnerte er sich an all die Lektionen, die ihn für ein Leben in Nasdhoor
gerüstet hatten, wo er sich auch aufhalten mochte.
Was immer der Drache auch war, PJ würde sein Freund bleiben, solange er lebte.
Laith starrte in die Ebene, die seine neue Heimat werden sollte. Er konnte die Feuer
der Nomaden erkennen und hörte den Drachen sagen: „Du wirst, Jungchen, du wirst.“










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